Sachsen-Anhalts Wirtschaft international

»Wer mitmischen will, muss den Markt kennen«

Trotz ihrer nicht wegzudiskutierenden Kleinteiligkeit ist Sachsen-Anhalts Wirtschaft international sehr aktiv. Der Außenhandel hat sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. Waren aus Sachsen-Anhalt werden in fast 200 Länder exportiert. Doch der Weltmarkt hat auch seine Tücken. »Der Markt in Mitteldeutschland« sprach mit Prof. Dr. Armin Willingmann, Minister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung, und Klaus Olbricht, Präsident der Industrie- und Handelskammer Magdeburg, Vizepräsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages und Unternehmer über andere Länder und andere Sitten.
Pharmazeutika, Kunststoffe und chemische Vorerzeugnisse sind laut Statistik die am meisten exportierten Güter aus Sachsen-Anhalt. Wie gut sind unsere Unternehmen international aufgestellt?
Olbricht: Wir wissen, die sachsen-anhaltische Wirtschaft ist sehr kleinteilig. Etwa 80 Prozent der Unternehmen haben weniger als zehn Mitarbeiter. Trotzdem haben wir sehr innovative Betriebe mit sehr guten, international wettbewerbsfähigen Produkten. Und die streben in die Welt hinaus, was sehr zu begrüßen ist.
Welche Hemmschwellen müssen auf dem Weg in den Weltmarkt von den Unternehmen durchbrochen werden?
Olbricht: Die Sprachbarriere ist einfach für viele noch immer sehr hoch. Die meisten Unternehmen wurden Anfang der 1990er Jahre von Menschen gegründet, die da in der Regel etwa Anfang 40 waren. Die haben noch Russisch gelernt und kaum Englisch. Jetzt kommen neue Leute nach, die Mitarbeiterschaft verjüngt sich und die sprachlichen Hemmnisse werden weniger. Was aus meiner Sicht auch ein Hindernis für ein Agieren auf internationalen Märkten ist, ist die geringe Eigenkapitaldecke der hiesigen Betriebe. Und es kostet nun mal Geld, auf den Weltmarkt zu gehen. Und es kostet Zeit. Man muss alles möglich machen, die Auslandsmärkte zu erobern. Aber nicht alle haben dafür die nötigen Voraussetzungen. Und für Unternehmen mit 10 oder 15 Mitarbeitern ist das sehr schwierig.
Willingmann: Die Markterschließungsphase ist tatsächlich von entscheidender Bedeutung für die Unternehmen – und die dauert eben eine gewisse Zeit. In der Regel reden wir nicht von Monaten, sondern von Jahren. Da braucht man einen langen Atem. Unsere eher kleinteilige Wirtschaft hat es da schwerer als andere. Ich bin sicher, die bereits angesprochene Sprachbarriere wird sich abbauen, wenn der Generationenwechsel in den Unternehmen erfolgt ist. Derzeit fehlt es aber mancherorts an Exporterfahrung. Wichtig ist, dass Unternehmen mit anderen über deren Erfahrungen im Auslandsgeschäft sprechen. Daraus können konkrete Absichten entstehen, ganz im Stil einer guten Mund-zu-Mund-Propaganda. Hier muss man darauf bauen, dass sich so etwas in konzentrischen Kreisen erweitert.
Welchen Beitrag kann das Ministerium leisten?
Willingmann: Unsere Aufgabe besteht darin, Nähe zum ausländischen Markt zu erzeugen. Das heißt jetzt nicht nur, mit Delegationen in andere Länder zu reisen, sondern auch hier vor Ort zu informieren. Da möchte ich auf das erste Katharina-Forum am 1. Juni 2017 in Zerbst verweisen, wo es darum geht, die deutsch russischen Wirtschaftsbeziehungen zu beleben. Die Unternehmen können aber auch auf die Kammern zurückgreifen, wo großes Fachwissen und ein ebenso großes Informationsangebot vorhanden sind. Ich denke da an Ländertage, Messen und Kammerreisen. Uns als Wirtschaftsministerium und mir als Minister ist sehr daran gelegen, dass wir Zugangshürden abbauen und es für alle etwas „normaler“ machen, erfolgreich ins Ausland zu gehen. Wir denken in eine Richtung und sind da inhaltlich ganz nah beieinander.
Die angesprochenen Sprachbarrieren und Erfahrungslücken können die Unternehmen selbst abbauen bzw. schließen, wenn sie das wollen. Andere Hürden sind durch sie nicht aus der Welt zu schaffen, etwa bürokratische. Wie ist da aktuell die Lage?
Olbricht: Der Trend in der Weltwirtschaft geht irgendwie sehr in die Richtung, zusätzliche Hürden aufzubauen und Märkte so fast gänzlich abzuschotten. Für Unternehmen ist es teilweise schwierig, bestimmte Zertifikate zu erreichen. Wenn man in bestimmte Länder exportieren will, muss man deren Normen erfüllen. Das ist oft schwer und ändert sich auch immer mal wieder. Geld kostet es natürlich auch. Das ist wirklich nicht einfach zu realisieren. Ohne Unterstützung, beispielsweise durch Berater der IHK, geht da fast nichts voran. Man kann sagen: Es war schon mal besser. Das sage ich auch als Unternehmer, der das selbst seit Jahren hautnah mitbekommt. Das hat aber nichts mit der deutschen Politik zu tun, sondern mit der anderer Länder.
Herr Olbricht, Sie haben Ihre eigene Unternehmerschaft angesprochen. Berichten Sie doch mal als Geschäftsführer der Elektromotoren und Gerätebau Barleben GmbH von Ihren Erfahrungen und Erlebnissen bei der Weltmarkteroberung.
Olbricht: Nach der Privatisierung 1993 haben wir uns gesagt: Wir nehmen alles mit, was kommt. Unsere Exportquote lag damals bei nicht einmal 15 Prozent, mittlerweile
sind wir bei 85. Wir haben alles möglich gemacht, um diese Märkte zu erobern. Was ich heute weiß: Wer mitmischen will, muss den Markt kennen. Das ist sehr wichtig. Da reicht es nicht, mit einer Delegation zu verreisen und dann zu denken, dass im Anschluss die Aufträge ins Haus flattern. Als Unternehmer muss man sich mit der Kultur, der Politik und den Marktbesonderheiten des jeweiligen Landes befassen. Und dann braucht man natürlich ein ordentliches Produkt, das qualitativ und preislich gut ist. Im arabischen Raum haben wir mehr als sechs Jahre gebraucht, bis wir dort etabliert waren. Da darf man nicht nachlassen und die berühmte Flinte ins Korn werfen. Erfolgreiche Wirtschaft lebt aber natürlich auch viel von persönlichen Beziehungen. Da muss man viel reisen, telefonieren, mailen und simsen.
Willingmann: Als Jurist möchte ich betonen, dass es immens wichtig ist, Kenntnisse über die Handelsregelungen in fremden Ländern zu haben. Wie ist da eigentlich die Rechtslage? Diese Frage stellen sich Unternehmen oft nicht oder nur am Rande. Auch interkulturelle Kompetenz ist eine Schlüsselqualifikation, mit der man sich in der Fremde gut und sicher bewegen kann. Sich die anzueignen, halte ich für sehr wichtig.
Vor einem Markteinstieg im Ausland sollten Unternehmer sich also gut beraten lassen. Die IHK hat dafür das Programm „Fit für den Export“ aufgelegt. Wie sieht das genau aus?
Olbricht: Das ist ein Coaching-Programm, das einerseits einen allgemeinen Teil enthält und andererseits sehr unternehmensindividuell ausgerichtet ist. Es gibt Grundlagenworkshops beispielsweise zu den Schwerpunkten Warenverkehr und Exportkontrolle. Aber jeder Teilnehmer wird selbst auf Herz und Nieren geprüft und erhält eine Empfehlung zur internen Internationalisierung. Auch Informationen über Förderungen und Unterstützung gibt es. Beim Erfahrungsaustausch sollen Unternehmer auch von Unternehmern lernen. Im Idealfall erschließt man so gemeinsam internationale Märkte. Allgemein wird auf IHK-Ebene aber noch viel mehr gemacht. Regelmäßige Messebesuche, Reisen, Ländersprechtage, Außenwirtschaftstage und natürlich die Mitgliedschaft in Auslandshandelskammern, die die Interessen von Firmen ihres Heimatlandes in einem anderen Land vertreten.
Willingmann: Es zeigt sich, dass man gerade in puncto Außenwirtschaft viel mehr erreicht, wenn man alle Beteiligten gut vernetzt. Das geht viel besser miteinander. Da gibt es sinnvollerweise auch nicht viel Eigenes, wodurch man sich vom Anderen abgrenzt. Auch die Hochschulen spielen eine wichtige Rolle, ebenso die Investitions- und Marketinggesellschaft. Ein sehr gutes Beispiel ist das Förderprogramm „Innovationsassistent“, wo das Wissen aus unseren Hochschulen direkt in die Betriebe transferiert wird. Wer mit seinen Waren oder Dienstleistungen im Ausland Fuß fassen will, für den ist gefördertes Personal in einer neu geschaffenen Stelle wie beim „Innovationsassistenten“ ein hervorragendes Mittel, das er nutzen sollte.
Ganz kurz: Wie gestaltet sich da die Förderung?
Willingmann: Kleine und mittlere Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft bekommen für maximal zwei Jahre bis zu zwei Innovationsassistenten bezuschusst. Konkret sind das bis zu 50 Prozent der Personalausgaben, je Vollzeitstelle maximal 30.000 Euro jährlich.
Sie haben die Investitions- und Marketinggesellschaft angesprochen. Was leistet die IMG konkret. Und welche Pläne zur Weiterentwicklung gibt es?
Willingmann: Viel von dem, was an Maßnahmen angesprochen wurde, wird ja nicht unmittelbar durch das Ministerium geleistet. Hier ist die IMG sehr aktiv, etwa bei der Vorbereitung von Auslandsreisen und Messen. Sie ist umgekehrt auch Ansprechpartner für den ausländischen Investor, der hier möglicherweise den sachsen-anhaltischen Markt bespielen will. Die IMG ist ein sehr wichtiger Dienstleister, der gerade mitten in einem Umbauprozess steckt. In diesem Sommer wird der Posten des Geschäftsführers neu besetzt. Mehr möchte ich dazu aber aktuell noch nicht sagen.
Zum Schluss geht der Blick wieder in die Statistik. Eines der Hauptzielländer für Exporte aus Sachsen-Anhalt sind die USA. Welche Folgen wird die Handelspolitik Donald Trumps haben, Stichwort „America First“?
Willingmann: Wir leben in einer Welt, in der Protektionismus eigentlich als überwunden angesehen war. Der politische Slogan „America First“ mag zunächst einen gewissen Charme auf Wähler haben, aber machen wir uns nichts vor: Sich nur am Binnenmarkt zu bedienen, hat für Verbraucher und Unternehmer unweigerliche Nachteile, insbesondere Kostensteigerungen zur Folge. Freihandelsabkommen sind daher einfach unerlässlich.
Olbricht: Herr Trump hat ja kürzlich erst ein Dekret unterschrieben, dass bei staatlichen Ausschreibungen zunächst einheimische Firmen bedacht werden sollen. Ausländische Fachkräfte können auch nicht mal eben so dort in einem Unternehmen anfangen, denn man muss nun erst nachweisen, dass die Stelle nicht mit einer Fachkraft aus dem eigenen Land besetzt werden kann. Das alles erschwert die wirtschaftlichen Beziehungen. Mit dieser Taktik werden auch die USA über kurz oder lang Probleme bekommen, davon gehe ich mal aus.
Autorin: Sabrina Gorges