Seit 145 Jahren in Familienhand

Landgasthof Lostau

»In vielen Berufen muss man an den Sonn- und Feiertagen, in Spät- und Nachtschichten arbeiten«, sagt Katharina Kühn. Für sie sei das nie ein Argument gewesen, den Landgasthof in Lostau nicht in nächster Generation weiterzuführen. Seit 145 Jahren ist er ein Familienbetrieb. Im Restaurant hängen Fotos der Vorfahren. Am Tage betrieben sie Land-, am Abend die Gastwirtschaft. Die 33-jährige Katharina weiß genau, worauf sie sich einließ, als sie am 1. Januar 2017 den Familienbetrieb offiziell von ihrer Mutter übernahm. Renate Walter war etwa im gleichen Alter wie ihre Tochter, als sie begann, den Gasthof in eigener Verantwortung zu führen.
Jede Zeit hat ihre Herausforderungen. Den Gästen immer etwas Besonderes bieten zu können, ließ sie erfinderisch werden angesichts der Versorgungsengpässe in der DDR. Renate Walter organisierte mit Spaß, war kreativ am Herd und kochte gut. Das sprach sich herum. Gäste reisten auch von weiter her an. Das ist so geblieben im Gesamtdeutschland. »Anscheinend«, sagt die Seniorchefin, »haben wir die Wende richtig angepackt.« Offensichtlich hat sie auch ein gutes Gespür für Trends und für richtige Entscheidungen zur rechten Zeit – etwa die Scheune zum Landhotel auszubauen. Zuerst waren es viele Handlungsreisende, die das Landgasthaus nahe der Autobahn zu ihrem Treffpunkt auserkoren hatten, sich hier am Frühstückstisch zu geschäftlichen Gesprächen trafen. Dann entdeckten Radwanderer die ländliche Oase. Stammgäste kennen sie sowieso und lassen auch ihre Familienfeste hier ausrichten.
Katharina hilft seit jeher im Haus überall dort, wo gerade ein paar Hände gebraucht werden. Sie lernte Köchin wie die Mutter – aus eigener Entscheidung, wie sie betont. Berufliche Erfahrungen sammelte sie in Berlin und in der Schweiz. »Wir haben niemals die Bedingung gestellt, dass sie zurückkehrt«, sagt die Mutter. Ihre Tochter lacht. Sie könnte den Gedanken, die Familientradition würde nicht fortgesetzt, kaum ertragen. Vor zwei Jahren kam sie nach Lostau zurück. Sie brachte wertvolle Erfahrungen und Kenntnisse mit – und ihren Mann, der ist auch Koch. Bald bekommen sie ihr zweites Kind. Wie ihre Vorfahren wird sie Wege finden, Familienleben und Gastbetrieb miteinander zu vereinbaren. Einiges wird sie so machen, wie sie es kennt; einiges sicher auch anders. »Wir haben keine Revolution vor«, sagt die Juniorchefin mit dem guten Gespür für Tradition und für das, was einen Landgasthof ausmacht. »Er lebt davon, wie er jetzt ist. Wir wollen schließlich keine Gäste verlieren.« Aber natürlich müsse das Haus mit der Zeit gehen, wie man so sagt. Die Kundschaft verändere sich schließlich auch, weiß Katharina Kühn. Wie ihre Mutter damals empfindet sie es als eine interessante Herausforderung, Neues zu wagen.
Die junge Frau freut sich, ihre Mutter noch an der Seite zu haben. Die wollte bewusst nicht mehr so lange warten mit der Geschäftsübergabe. Jetzt sei noch genügend Zeit für das begleitende Hineinwachsen in die verantwortungsvolle Aufgabe, das Familienunternehmen mit derzeit sechs Angestellten weiterzuführen. »Die jungen Leute sollen die Freiheit haben, ihren Ideen nachzugehen«, sagt Renate Walter. »Meine Tochter ist jetzt im besten Schaffensalter «, weiß sie in Erinnerung an die eigenen Gründerjahre – und trifft wieder eine richtige Entscheidung zur rechten Zeit, mit der sie ihrem Landgasthof die Tür in eine neue Zukunft öffnet.
(von Kathrain Graubaum)